10
Die Rückkehr Oswald Oppenheims
Zwei Stunden hatte Maigret sich nicht gerührt. Als er aufstehen wollte, konnte er die Arme kaum bewegen, und er mußte nach Jean läuten, um sich in den Mantel helfen zu lassen. »Bestell mir ein Taxi …«
Wenige Minuten später war er bei Dr. Lecourbe in der Rue Monsieur le Prince. Sechs Patienten saßen im Wartezimmer, aber man ließ ihn daran vorbei durch die Wohnung gehen, und sobald das Sprechzimmer frei war, wurde er hereingebeten.
Erst eine Stunde später kam er wieder heraus. Sein Oberkörper war noch steifer als zuvor. Die Ringe um seine Augen hatten sich so vertieft, daß er verändert aussah, als sei er geschminkt.
»Rue de Roi de Sicile! Ich sage Ihnen, wo Sie halten sollen …«
Von weitem schon erblickte er seine beiden Inspektoren, die vor dem Hotel auf und ab gingen. Er stieg aus und trat zu ihnen.
»Nicht weggegangen?«
»Nein. Einer von uns ist immer auf Posten geblieben.«
»Wer hat das Hotel verlassen?«
»Ein kleiner gebrechlicher Alter, dann zwei junge Leute und eine etwa dreißigjährige Frau …«
Maigret zuckte mit den Schultern und seufzte:
»Hatte der Greis einen Bart?«
»Ja …«
Ohne ein Wort zu sagen, ließ er sie stehen, stieg die enge Treppe hinauf und ging an der Portiersloge vorbei. Kurz darauf rüttelte er an der Zimmertür 32. Eine Frauenstimme antwortete in einer fremden Sprache. Die Tür gab nach, und er sah Anna Gorskin, die halbnackt aus dem Bett kam.
»Dein Liebhaber?« fragte er.
Er tat kurz angebunden, wie jemand, der es eilig hat, und er machte sich nicht die Mühe, den Raum zu inspizieren.
Anna Gorskin schrie:
»Raus! … Sie haben nicht das Recht …«
Aber er hob kaltblütig den Trenchcoat auf, den er kannte. Er schien etwas anderes zu suchen. Er entdeckte am Fußende des Bettes die graue Hose von Fedor Jurowitsch. Herrenschuhe waren in dem Zimmer jedoch nicht zu sehen.
Die Gorskin zog ihren Morgenrock über und blickte ihn wütend an.
»Sie glauben wohl, weil wir Ausländer sind …«
Er ließ ihr nicht die Zeit zu einem Zornausbruch. Ruhig verließ er das Zimmer und schloß die Tür hinter sich, die sie wieder öffnete, als er eine Treppe tiefer war. Keuchend, aber wortlos stand sie auf dem Treppenabsatz. Über das Geländer gebeugt, folgte sie ihm mit den Augen. Und plötzlich hielt es sie nicht länger. Mit dem dringenden Verlangen, doch noch etwas zu tun, spuckte sie ihm nach.
Wenige Zentimeter neben dem Kommissar klatschte der Speichel dumpf auf den Boden.
»Na und? …« fragte Inspektor Dufour seinen Chef.
»Du überwachst die Frau … Die kann sich nicht als Greis verkleiden …«
»Wollen Sie damit sagen, daß …?«
Aber nein! Er wollte überhaupt nichts sagen! Ihm war nicht danach, sich in eine Diskussion einzulassen. Er stieg wieder in sein Taxi.
»Zum Majestic …«
Niedergeschlagen und gedemütigt, sah ihn der Inspektor davonfahren.
»Tu, was du kannst!« rief ihm Maigret noch nach.
Ihm lag nicht daran, seinem Kollegen Kummer zu bereiten. Wenn Dufour sich hatte überlisten lassen, war es nicht sein Fehler. Und hatte er, Maigret, nicht zugelassen, daß Torrence ermordet wurde?
Der Geschäftsführer erwartete ihn am Eingang, was etwas ganz Neues war.
»Endlich! … Sie werden verstehen … Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll … Man hat Ihren … Ihren Freund abgeholt … Man hat mir versichert, daß die Zeitungen nichts darüber bringen werden … Aber ›der andere‹ ist da … Er ist hier!«
»Hat ihn jemand zurückkommen sehen?«
»Kein Mensch! … Das ist es ja! … Hören Sie! … Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte, hat er geläutet … Und als der Kellner kam, hat er seinen Kaffee verlangt … Er lag im Bett …«
»Mortimer? …«
»Sie glauben, daß da ein Zusammenhang besteht? … Das ist ausgeschlossen! … Er ist ein bekannter Mann … Minister und Bankiers haben ihn hier aufgesucht …«
»Was macht Oppenheim?«
»Er hat ein Bad genommen … Ich glaube, er zieht sich an …«
»Und Mortimer?«
»Die Mortimers haben noch nicht geklingelt … Sie schlafen …«
»Geben Sie mir eine Personenbeschreibung von Pepito Moretto.«
»Ja … Man hat mir erzählt … Persönlich habe ich ihn nie gesehen … Ich meine, bewußt … Wir haben soviel Personal … Aber ich habe mich informiert … Ein kleiner Mann, dunkle Haut, schwarzes Haar, untersetzt, sprach tagelang kein Wort …«
Maigret schrieb diese Angaben auf ein loses Blatt Papier, steckte es in einen Umschlag und adressierte ihn an seinen Chef. Zusammen mit den Fingerabdrücken, die man sicher in dem Zimmer abgenommen hat, in dem Torrence ermordet wurde, würde das genügen.
»Lassen Sie das zum Präsidium bringen …«
»Ja, Herr Kommissar …«
Der Geschäftsführer wurde immer ergebener, denn er spürte, daß die Ereignisse katastrophale Ausmaße anzunehmen drohten.
»Was werden Sie machen?«
Aber der Kommissar entfernte sich bereits linkisch und ungeschickt und stellte sich mitten in der Halle hin wie die Besucher alter Kirchen, wenn sie ohne die Hilfe des Küsters zu erraten versuchen, was es dort Sehenswertes gibt.
Ein Sonnenstrahl fiel herein, und die Halle des Majestic war in Gold getaucht.
Um neun Uhr morgens war diese Halle fast leer. Die wenigen Frühstücksgäste saßen vereinzelt an ihren Tischen und lasen Zeitung.
Maigret ließ sich schließlich in der Nähe des Springbrunnens, der aus irgendeinem Grund an diesem Tag nicht funktionierte, in einen Korbsessel fallen. Die Goldfische in dem Keramikbecken bewegten sich nicht, nur ihre Mäuler öffneten und schlossen sich immer wieder.
Das erinnerte den Kommissar an den geöffneten Mund von Torrence. Er mußte tief beeindruckt davon sein, denn er rutschte lange hin und her, bevor er eine Haltung gefunden hatte, die ihm behagte.
Nur wenige Hotelangestellte liefen umher. Maigret folgte ihnen mit den Augen und war sich bewußt, daß jeden Augenblick ein Schuß fallen konnte. Insofern hatte sich die Lage zugespitzt.
Daß Maigret die Identität Oppenheims, alias Pietr, des Letten, aufgedeckt hatte, zog keine Folgen nach sich; der Kriminalbeamte riskierte nicht viel.
Der Lette verbarg sich kaum, trotzte der Polizei und war sicher, daß sie nichts Belastendes gegen ihn in der Hand hatte.
Den Beweis dafür lieferte diese Kette von Telegrammen, die genau seiner Spur folgten, von Krakau nach Bremen, von Bremen nach Amsterdam, von Amsterdam nach Brüssel und Paris. Aber da war der Tote im Nordexpreß. Und es gab vor allem die Entdeckung Maigrets: die unerwarteten Beziehungen zwischen dem Letten und Mortimer-Levingston.
Und diese Entdeckung war entscheidend!
Pietr war ein Gangster, der zugab, es zu sein, und sich damit begnügte, der internationalen Polizei zu sagen: ›Versucht nur, mich auf frischer Tat zu ertappen!‹
Mortimer galt in der ganzen Welt als Ehrenmann.
Zwei Menschen waren imstande, die Verbindung zwischen Pietr und Mortimer erraten zu haben.
Und am selben Abend wurde Torrence umgebracht! Maigret war in der Rue Fontaine mit einem Revolver angeschossen worden!
Eine dritte, aufgeschreckte Person, die sicher nicht viel wußte, aber Anlaß zu einer neuen Untersuchung hätte geben können, wurde beseitigt: José Latourie, der Eintänzer.
Nun waren Mortimer und der Lette in der Überzeugung, daß alle drei Morde ausgeführt waren, an ihre Plätze zurückgekehrt. Sie saßen da oben in ihren Luxusappartements, befehligten per Telefon die ganze Dienerschaft eines Palastes, nahmen ein Bad, frühstückten und kleideten sich an.
Unten wartete Maigret auf sie, ganz allein, in seinem unbequemen Korbsessel, die eine Seite der Brust steif und stechend, der rechte Arm vor dumpfem Schmerz fast unbeweglich.
Er hatte die Macht, sie zu verhaften. Aber er wußte, daß das nichts nützen würde. Bestenfalls fände man Beweise gegen Pietr, den Letten, sprich Fedor Jurowitsch, sprich Oswald Oppenheim, der auch noch andere Namen getragen haben dürfte, wie vielleicht Olaf Swaan.
Aber gegen Mortimer-Levingston, den amerikanischen Milliardär? Eine Stunde nach seiner Festnahme würde die Botschaft der Vereinigten Staaten Einspruch erheben. Die französischen Banken, Finanz- und Industriegesellschaften, in deren Verwaltungsrat er saß, würden die Politiker mobilisieren.
Welchen Beweis? Welches Indiz? Daß er ein paar Stunden mit Pietr, dem Letten, verschwunden war? Daß er im Pickwick’s zu Abend gegessen und seine Frau mit José Latourie getanzt hatte? Daß ein Polizeiinspektor gesehen hatte, wie er ein schäbiges Hotel namens Roi de Sicile betrat?
All das würde vom Tisch gefegt werden. Man müßte sich entschuldigen, ja, um den Vereinigten Staaten Genugtuung zu geben, Maßnahmen ergreifen und Maigret zumindest scheinbar kaltstellen.
Torrence war ermordet worden!
Er war sicher beim ersten Morgengrauen auf einer Bahre durch dieselbe Halle gekommen. Es sei denn, der Geschäftsführer hatte, um irgendeinem morgendlichen Gast diesen peinlichen Anblick zu ersparen, die Anweisung gegeben, den Transport durch den Personalausgang zu leiten.
Das war denkbar. Die schmalen Flure, die Wendeltreppen, wo die Bahre gegen die Geländer stieß …
Telefon, hinter der Mahagonitheke. Kommen und Gehen. Eilige Anordnungen.
Der Geschäftsführer kam.
»Mrs. Mortimer-Levingston reist ab … Eben wurde von oben angerufen, ihr Gepäck soll abgeholt werden … Der Wagen ist vorgefahren …«
Maigret zeigte nur ein blasses Lächeln.
»Mit welchem Zug?« fragte er.
»Sie fliegt vom Flughafen Bourget aus nach Berlin …«
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da erschien sie, in einen grauen Reisemantel gehüllt, eine Krokodilledertasche in der Hand. Sie ging schnell. An der Drehtür angekommen, konnte sie jedoch nicht umhin, noch einmal zurückzublicken.
Damit sie ihn gut sah, erhob sich Maigret mühsam. Er war sicher, daß sie sich seinetwegen auf die Lippen biß, noch eiliger hinausstürzte. Heftig gestikulierend gab sie draußen dem Chauffeur ihre Anweisungen.
Der Geschäftsführer wurde woandershin gerufen. Der Kommissar stand allein vor dem Springbrunnen, der auf einmal in Gang kam. Er schien zu einer bestimmten Uhrzeit angestellt zu werden.
Es war zehn Uhr.
Maigret lächelte vor sich hin und nahm schwerfällig, aber vorsichtig wieder Platz, denn bei der geringsten Bewegung schmerzte seine Wunde, die immer empfindlicher wurde.
»Die Schwachen werden beseitigt …«
So war es wohl! Nach José Latourie, den man für zu wenig zuverlässig gehalten und mit drei Messerstichen in die Brust aus dem Gefecht gezogen hatte, entfernte man auch Mrs. Mortimer, die zu leicht zu beeindrucken war. Sie wurde nach Berlin geschickt. Das war eine zuvorkommende Behandlung.
Zurück blieben die Starken: Pietr, der Lette, der noch nicht fertig angezogen war, Mortimer-Levingston, der von seinem aristokratischen Auftreten nichts verloren haben dürfte, und Pepito Moretto, der Killer der Bande.
Alle drei, durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden, trafen ihre Vorbereitungen.
Der Feind war hier, mitten unter ihnen, im Zentrum der Halle, die sich zu beleben begann. Unbeweglich saß er in seinem Korbsessel, hatte die Beine ausgestreckt und bekam feinste Wassertröpfchen von der Fontäne ins Gesicht gesprüht, die ein pfeifendes Geräusch machte.
Einer der Fahrstühle hielt an.
Pietr, der Lette, erschien zuerst, in einen wunderbaren zimtbraunen Anzug gekleidet, eine ›Henry Clay‹ zwischen den Lippen.
Er fühlte sich hier zu Hause. Er bezahlte dafür. Ungezwungen und selbstsicher schlenderte er durch die Halle, blieb da oder dort vor einer der Vitrinen stehen, die die großen Geschäftshäuser in den Luxushotels aufstellen, ließ sich von einem Pagen Feuer geben, betrachtete aufmerksam eine Tafel mit den neuesten Devisenkursen, stellte sich, kaum drei Meter von Maigret entfernt, vor den Springbrunnen, blickte gebannt auf die Goldfische, die künstlich wirkten, schnippte schließlich die Asche von seiner Zigarre in das Becken und ging ins Lesezimmer hinüber.